Mainz, 22.04.2026 - Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz kritisiert den Ausgang des Ausschreibungsverfahrens für den psychosozialen Dienst und die Vulnerabilitätsprüfung in den Aufnahmeeinrichtungen für Asylbegehrende (AfA) des Landes in Trier, Speyer, Hermeskeil, Kusel, Bitburg und Hahn.
"Diese wichtige und menschenrechtliche Arbeit in den Einrichtungen wurde über viele Jahre von DRK, Caritas und Diakonie mit viel Engagement und Expertise durchgeführt", betont der LIGA Vorsitzende Albrecht Bähr. "Dass die Ausschreibung jetzt dazu geführt hat, dass diese essenzielle Arbeit der Wohlfahrtspflege vollkommen eingestellt werden muss, ist ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiterschaft der betroffenen LIGA-Verbände und gefährdet die Versorgungssicherheit von asylbegehrenden Menschen."
Das zuständige Integrationsministerium hatte die Verbände vor einiger Zeit darüber informiert, dass im Rahmen des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) die Angebote nicht als Projektförderung, sondern als Pflichtaufgabe umzusetzen seien. Dies führe zwingend zu einer öffentlichen Ausschreibung. Das Ministerium schätze das bisherige Engagement der Wohlfahrtsverbände und wolle weiterhin auf Qualität im Sinne der Asylbegehrenden setzen, so die Regierungsvertreter.
Nach Abschluss des Vergabeverfahrens wurde den Trägern durch die zuständige Behörde nun mitgeteilt, dass an allen AfA-Standorten ab dem 1. Juni 2026 ein privates Unternehmen, "European Homecare" (EHC), mit den Aufgaben betraut wird. "Damit hat sich das Land gegen fachliche Qualität im Sinne der Adressatinnen und Adressaten sowie gegen Trägervielfalt ausgesprochen", sagt Daniel Kieslinger, Geschäftsführer der LIGA Rheinland-Pfalz. Offenbar seien aufgrund ihrer Tarifstruktur und Tariftreue die Wohlfahrtverbände "rausgekickt" worden.
Mit EHC hat nach Auffassung der LIGA das Land einem weiteren gewinnorientierten privaten Konzern den Vorrang vor der Wohlfahrtspflege gegeben. Zuvor hatten die zur britischen Serco-Gruppe gehörenden EHC und ORS, das DRK mit seiner Sozialbetreuung aus den Aufnahmeeinrichtungen des Landes verdrängt.
Serco ist ein weltweit agierender Dienstleister, der im Auftrag des Staates dessen Aufgaben übernimmt. So übernehmen die gewinnorientierten Unternehmen u.a. Betrieb, Leitung bzw. Verwaltung von Gefängnissen und Flüchtlingsheimen.
"Serco mit seinen Tochterunternehmen EHC und ORS verdient am Elend der Menschen," kritisiert LIGA Vorsitzender Bähr. "Es ist ein Skandal, dass Serco mit der Unterbringung von geflüchteten Menschen beauftragt wird, während das Unternehmen gleichzeitig Dienstleistungen für militärische Zwecke übernimmt und damit mit zur Entstehung von Fluchtursachen beitragen kann", sagte Bähr. Und LIGA-Geschäftsführer Kieslinger hält es für beschämend, dass in Rheinland-Pfalz auf solche Dienstleister zurückgegriffen wird. "Sie verfolgen Gewinnmaximierung und kümmern sich nicht um das Gemeinwohl oder die Menschen", kritisiert Kieslinger.
Die bisher tätigen Verbände der Freien Wohlfahrtspflege werden ihre Arbeit zum 30.06.2026 einstellen, erfahrene Beschäftigte entlassen und gewachsene Strukturen, die den Startschuss für gelingende Integration bedeutet haben, aufgeben müssen. teilt die LIGA mit.
"Wenn die Privatisierung und Kommerzialisierung der öffentlichen Daseinsfürsorge sich auch auf weitere Handlungsfelder ausweitet, wird sich dies negativ auf den Sozialstaat und seine Bürgerinnen und Bürger auswirken", fürchtet Alberecht Bähr.
Mainz, den 22.04.2026
Zum Gespräch stehen zur Verfügung: Albrecht Bähr und Daniel Kieslinger